Zwischen Fragen und Vorfreude

Vor ca. zwei Stunden haben wir uns Bierchen geschnappt und sind über den Zaun an der Rheinpromenade hier in Düsseldorf gestiegen. Haben uns auf die Steine gesetzt, so nah am Rhein wie möglich. Der Trubel der Stadt hinter uns und aus der Sichtweite. Wir lehnten unsere Köpfe an den Zaun. Das Geräusch von Wasser – wir lieben es.

Eigentlich genießen wir dann einfach die Aussicht, sprechen über alles mögliche vom Alltag, über Handball, über Uni, Arbeit oder wir überlegen uns Innovationen, die die Welt braucht. Zum Beispiel sich-selbst-auffüllende-Klopapierrollen-Halter.

 

In letzter Zeit nicht.

Auch heute nicht. Daniel nahm einen Schluck und schaute zum Rheinturm. Das Wahrzeichen der Stadt.

„Oh man, was das wohl für Heimatgefühle auslösen wird, wenn wir landen und das Teil wiedersehen“, sagte ich. Und dann habe ich mich gefragt, wann uns mal das Heimweh auf Reisen packen wird. In welchen Situationen. Wie wir damit umgehen werden.

Ob wir es unterschätzen? Eigentlich hatten wir es bisher noch nie so richtig. Aber – wir waren halt noch nie auf einer Reise länger als einen Monat. Woher soll man es auch wissen.

 

Das ist generell so ein Ding mit dem Unterschätzen.

Je mehr man sich mit so einer Planung beschäftigt, informiert, recherchiert liest man so viel von der Warnung, dass man dies und jenes nicht unterschätzen darf. Im Grunde bei… ALLEM.

Vollkommen egal bei was. Die Vorbereitung soll man nicht unterschätzen, das Heimweh nicht, das Unabhängige, man muss sich schließlich erst dran gewöhnen, die neue Art zu leben, die neue Art zu reisen, alles wird anders und – alles nicht zu unterschätzen!

Irgendwann hat man das Gefühl, dass es fast schon verboten ist, etwas richtig einschätzen zu wollen.

 

Wir hörten Skateboarder die Promenade entlangfahren

Ja, in Düsseldorf leben nicht nur Kö-Schicksen… und ich schaute gerade nach rechts, wie eine Mädelstruppe Fotos von sich schoss (das hingegen hätten Kö-Schicksen sein können). Momente festhalten. Sie lachten und quiekten, schossen noch mal ungefähr 36 neue Fotos, bis sie wohl zufrieden waren.

Ich musste grinsen und habe mich gefragt, wie viele Selfies wir wohl von uns noch machen werden. Mit welchen Motiven im Hintergrund. „Woah, überleg mal wir verlieren auf Reisen unsere Kamera. Das wär… krass, alle Bilder weg“

„Wir müssen noch gucken, welche Sachen wir an Technik mitnehmen. Darf ja nicht zu schwer sein alles…“, antwortete Daniel (Auch ein Punkt, der nicht zu unterschätzen ist …) Und wir beginnen davon zu reden, dass wir uns nicht auf Filme und Fotos festfahren dürfen. Dass wir nicht aus dem Auge verlieren dürfen auch mal ohne Technik alles einzusaugen.

Werden es bestimmt eh machen, aber es auszusprechen gibt einem wenigstens das Gefühl als … hätten wir auch eben das bedacht. Ja also sorry, da reist man schon mal los, dann sollen’s doch auch bitte die Enkelkinder mal auf genialen Fotos sehen!

 

Das Handy vibrierte

WhatsApp Nachricht von Freunden. Entweder die Frage nach einer spontanen Verabredung irgendwo – oder ein bescheuertes Bild, das man im Netz gefunden hat. Es war Letzteres. Und sogar echt witzig!

Das Handy in der Jackentasche verstaut, merkst du: Es sind die Kleinigkeiten, an denen du spürst, dass du dich innerlich auf einen neuen Abschnitt vorbereitest. Denn selbst solche banalen Nachrichten lesen sich schon anders: Wie sich das anfühlen wird, wenn wir auf der anderen Seite der Welt sind und diese Nachrichten lesen werden? Ein Stück zurückgelassener Alltag auf Reisen, der auf dem Handy erscheint.

Absprachen wer sich wann wo trifft, während wir uns gerade damit beschäftigen, wie wir in Asien zur nächsten Unterkunft kommen sollen. Ob wir uns oft sagen werden, wie gern wir gerade hier oder da dabei wären? Ob wir oft das Gefühl haben werden was zu verpassen? Gedanken, die zwischendurch im Hinterkopf schwirren.

 

„Düsseldorf ist echt eine schöne Stadt…“,

Düsseldorf Skyline

…meinte Daniel und konzentrierte sich darauf das Handy ruhig zu halten, bevor er zum Foto auslöst. „Wir waren noch gar nicht auf dem Rheinturm. Müssen wir mal machen. Und wollten wir nicht mal so eine HopOnHopOff-Tour hier mitmachen?“ Ja richtig. Was man sich nicht mal alles vorgenommen hatte und bis heute nicht auf die Kette bekommen hat.

Es ist, als wäre diese Reise-Entscheidung zu einer Person geworden, die uns eine Brille auf die Nase gesetzt hat, durch die wir plötzlich alles anders sehen. Intensiver. Angefangen von der Kreidetafel vor der Imbissbude, die die günstige Currywurst bewirbt und man sich fragt, ab welchem Zeitpunkt man sich auf reisen nach einer richtig guten Currywurst sehnt, hin zu Geburtstagen von Freunden, wo man sich irgendwie alles genauer ansieht und genießt, weil man weiß, dass man bei der Feier nächstes Jahr wohl gar nicht dabei sein wird.

 

Selbst das Handballtraining.

Seit etlichen Jahren so fester Bestandteil des Alltags und Leidenschaft seit so vielen Jahren. „Ohne geht nicht!“ und jetzt fahren wir zum Spiel und fragen uns, wie sehr es uns fehlen wird.

Und wenn jemand beim Training nach unserem Vorhaben fragt, weiß man, dass die zwei Minuten in der Trinkpause einfach nicht ausreichen auch nur annähernd zu erklären, wie es angedacht ist, wie wir es uns vorstellen, was es einem bedeutet, dass man Gänsehaut bekommt allein wenn man daran denkt.

Man kürzt es irgendwann ab auf „Mal sehen wie es wird – können’s kaum erwarten!“ und will seine unfassbare Vorfreude niemandem penetrant auf die Nase binden, auch wenn man jedes Mal am liebsten ausrasten will und kaum eine Sekunde verstreicht, in der man nicht ans Reisen denkt. Keine. Wirklich keine.

Daniel holte die kleine Musikbox aus seiner Jackentasche. Die haben wir eigentlich immer dabei. Handy angestöpselt und startet von Talisco – My Home.

2 thoughts on “Zwischen Fragen und Vorfreude

  • 06/04/2015 um 20:11
    Permalink

    Ohh… Gänsehaut. Zusammen mit dem Song, habe ich am Ende ne richtige Gänsehaut bekommen. Ich freue mich schon so auf den Tag, an dem es mir genauso gehen wird. Dieses Gefühl, wie man woanders über die Heimat spricht, kenne ich schon etwas von meinen Auslandsjahr. Die Heimatstadt, die vorher so viele Macken hatte, wird plötzlich die schönste, coolste und überhaupt tollste der Welt. Und auf die deutschen spießigen Tugenden ordentlich, pünktlich und gewissenhaft zu sein, ist man plötzlich irgendwie auch noch stolz. Hilfe. Was passiert da mit einem in anderen Teilen der Welt? :-)

    Und nun habe ich mich für den Newsletter eingetragen.

    Freue mich weiter von euch zu lesen.
    LG Janine

    Antworten
    • 08/04/2015 um 22:08
      Permalink

      Hi Janine!
      Danke für den lieben Kommentar! Und: Newsletter geht in den nächsten Tagen auch raus ;)

      Deine Formulierung trifft’s ganz gut: die spießigen Tugenden. So merken wir es auch schon langsam… „irgendwie auch süß immer diese Pünktlichkeit! Und dieses ‚Steife‘! Und dieses Verzichten auf unnötigen Smalltalk…“ :D

      Ist denn schon bei dir in Aussicht, dass es bald losgehen kann? :)

      Liebe Grüße!
      Ania & Daniel

      Antworten

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