1 Jahr Weltreise - Wie ist es, zurück zu sein?

Top Frage.

Welche sollte es sonst auch sein.
War es vor der Reise nun mal ein „Und, wie fühlt ihr euch, so kurz vor einer Weltreise?“,
ist es jetzt eben: „Und, wie ist es zurück zu sein?“

Im Vlog vom Tag unserer Landung sieht man noch, wie wir in unserer Wohnung auf dem Boden sitzen, um uns schauen.

Weltreise Rückkehr Vlog

Als wir die Kamera ausschalteten, saßen wir da immer noch so. Habt ihr also nichts verpasst. Wir saßen einfach nur da und schauten wirklich recht stumpf durch den Raum. Wir fühlten uns wie bestellt und nicht abgeholt. Wussten nicht wohin mit uns. Draußen war es dunkel, im Raum war es still, wir wollten nicht daran denken die Rucksäcke auszupacken. Wollten eigentlich gar nichts machen.

Und auf einmal war da das Gefühl von Überforderung. Nicht ein einziges Mal in dem gesamten Jahr auf der Reise hatten wir das Gefühl zu viele Eindrücke zu haben oder überfordert zu sein.

 

Außer – jetzt.

Mein Gedanke: „Kacke. Ist das das berühmte Loch, von dem immer alle reden?! Wo man reinfällt nach einer Weltreise und es einem nicht gut geht?!“ Die ganzen Berichte von anderen „Rückkehrern“ hatten uns oft Angst gemacht. Auch wenn wir es uns bei uns nicht vorstellen konnten: Wir freuten uns doch auf Familie und Freunde und auf alles, was kommt.

Wir starrten weiter durch den Raum.

Dort das große ausgedruckte Bild aus Vietnam, das unsere tagtägliche Motivation war, den Gedanken der Weltreise niemals beiseite zu legen. Sondern anzupacken.

Bild vor der Reise

Rechts neben uns auf dem Palettensofa der Globus, den ich Daniel zum Geburtstag einmal schenkte.

Globus

Der Sitzsack, an den ich mich angelehnt hatte und den Beitrag meiner Kündigungswoche schrieb und Daniel von den letzten Tagen in der Uni.

Sitzsack

Das Regal, in dem unsere Kamera immer ihren Platz hatte – neu und noch ganz ohne Aufnahmen. Vor einem Jahr steckte noch eine leere Speicherkarte darin.

Schrank

Ah, die Blumenvasen. Leer, aufeinander gestapelt. Stimmt, wir hatten dem Untermieter halb-leblose, braune Pflanzen hinterlassen – den grünen Daumen hatten wir nie so. Hups.

Blumenvasen

Und dann der große Tisch im Raum direkt vor uns, den wir selbst gebaut hatten. Nicht, weil wir es können, sondern – weil wir halt einen großen Tisch haben wollten, ohne 200€ auszugeben. Also haben wir uns Holz besorgt, lasiert, geölt und selbst zusammengeschraubt. Nicht die professionellste Konstruktion, aber immerhin: höhenverstellbar und 1,90m lang! BÄM!

Tisch

Es war der Tisch, an dem wir saßen und an dem all diese Sätze fielen:
„Wann sollen wir unseren ersten Flug buchen? Und… wohin?“
„Was machen wir mit der Wohnung?“
„Wann und wie sagen wir es Familie und Freunden? Wie werden sie wohl reagieren?“
„Und wie… macht man jetzt so einen Blog? Wo fängt man da am besten an?“
„Auslandskrankenversicherung. Stimmt. Müssen wir auch machen. Na klasse.“
„Irgendwo will ich mal einen Tauchschein machen!“
„Wie fühlst du dich mit dem Gedanken zu kündigen?“
Und: „Wir ziehen das echt durch, oder?“

Jetzt saßen wir auf dem Boden vor dem gleichen Tisch.

 

„Wir haben es echt durchgezogen!“, sagte ich langsam zu Daniel und plötzlich füllte sich alles wieder mit Leben in uns.

Es war das erste Mal für uns beide, dass ein Traum, der einmal unerreichbar schien, plötzlich real war. Weil wir es aus eigener Kraft angepackt und einfach… gemacht haben.

Wir standen auf und da es nun mal keine Regeln gibt, was man so macht, nachdem man von einer Weltreise kommt, machten wir uns Glühwein und schauten uns einfach ein paar unserer Vlogs an.

Amazonas. Frachtschiff. Koh Phangan. Taiwan. Elefanten.
Und ernsthaft: Ihr könnt euch nicht vorstellen wie unfassbar merkwürdig und gleichzeitig genial es war, sich selbst in einem Video zu sehen, während man umgeben von der damaligen Alltagssituation ist: der Wohnung. In der man immer den Feierabend verbracht hat.

Es war ein: „Das will ich auch mal erleben!“-Gedanke, gefolgt von: „DAS SIND JA WIR!!!“ :D
Es war zu genial. Der Glühwein wurde fast kalt, weil wir einfach nicht glauben konnten, dass das dort unsere eigenen Videos sind und auf den Bildschirm glotzten. Ein zufriedenes Gefühl stellte sich ein. Ein Gefühl von Stolz, Zufriedenheit und Lebensfreude. Wo ein Wille, da ein Weg. Wir haben es gewagt! MEIN GOTT IST DAS GEIL!

Also wenn wir in einem Loch waren, dann haben wir es recht schnell wieder rausgeschafft. :D Wir fühlten uns zufrieden und einfach nur… gut.

 

An den nächsten Tagen folgten wunderschöne Familien- und Freundetreffen, ganz besondere Weihnachten und ein Silvester in ein neues, besonderes Jahr.

Natürlich wurde auch da oft die Frage gestellt, wie es ist zurückzukommen.
Erst, als uns die Frage mehrmals gestellt wurde, haben wir gemerkt, dass sie gar nicht auf uns zutrifft.
Wir fühlen uns nicht, als wären wir „zurück“gekommen.
Wir sind in einem neuen Leben angekommen. In einem neuen Kapitel und mit einer neuen Version unserer Personen. Und verflucht, gefällt die uns!

Wir in der Atacama Wüste

Wir sind in dem Leben angekommen, in dem wir endlich verstanden haben, dass das einzige, was zwischen dir und deinem Traum liegt, Ausreden sind. Ausreden, warum es gerade nicht geht und warum es niemals klappen würde. Egal was.

In dem Leben, in dem wir endlich geschnallt haben, dass wenn der von uns allen so geliebte Dschungel für unsere Gesichtscremes und Rindfleisch niedergemacht wird, es nicht nur „irgendwo da in Indonesien“ passiert, sondern in unseren Supermärkten und bei uns zu Hause. Ob uns das passt oder nicht.

In dem Leben, in dem man plötzlich weiß, dass es keinen roten Faden im Leben gibt – für keine Situation. Dass es kein „so sollte ein Leben aussehen“-Leben gibt. Sondern an erster Stelle immer die Frage stehen sollte: Wie möchte ich, dass mein Leben aussieht? Und man danach handelt. Nach nichts Anderem.

Allerdings heißt das auch:

 

Wir sind mit einem neuen Leben im Gepäck gelandet – allerdings im alten Umfeld.

Es ist der knallharte Vorher-Nachher-Vergleich. Über die gleichen Themen, über die man vorher mit den Freunden gesprochen hat – spricht man nun anders. Oder denkt anders. Es sind nicht mehr die gleichen, wie sie mal waren, nicht mehr die gleichen Prioritäten, wie man sie von uns kannte und wir sind gerade dabei uns damit hier einzufinden. Es ist ungewohnt – und dann denken wir: Gott sei Dank ist es das. Denn wenn wir eins nicht wollten, dann war es, unverändert von der Weltreise zurückzukehren.

Genauso schwierig ist es jetzt gerade abzuwägen: „Nervt es, wenn wir von der Reise erzählen? Erzählen wir zu viel? Sollten wir einfach gar nichts sagen?“, auch wenn wir trilliarden Geschichten und Anekdoten im Kopf haben, wenn über etwas gesprochen wird. Man will ja nicht ständig anfangen mit: „Ah stimmt, und als wir in Taiwan waren…“, „…und als wir in Indonesien waren…“, „…und als wir in Peru waren…“. Würde uns selbst ja auch nerven. :D

 

„Sehnt ihr euch nicht nach… Kontinuität?“,

fragte dann gestern eine Freundin ein wenig ungläubig beim letzten Glühwein-Trinken. Ich musste lächeln, weil ich es mittlerweile liebe zu sehen, wie unterschiedlich Menschen sind. Das meine ich ernst. Weil genau das die Welt erst so spannend und interessant macht. Und weil EXAKT das der Beweis dafür ist, dass es einfach keinen Leitfaden geben kann im Leben. Für niemanden.

Jeder ist anders.
Und wir sind wir.

Wir in Chile

Achso, meine Antwort auf die Frage war ein Kopfschütteln mit einem breiten Lächeln: „Das Schlimmste, was wir uns gerade vorstellen können, wäre zu wissen, wie die nächsten 3 Jahre aussehen.“.

 

Am Tag unserer Rückkehr wussten wir:

Wir landen mit einer neuen Version unserer Personen.
Wir genießen es immer mehr zu merken, wie wir uns ein wenig verändert haben. Dass wir in vielen Dingen umdenken, Vieles mit anderen Augen sehen und uns plötzlich andere Themen interessieren, als vorher.

Über 20 Jahre unseres Lebens sind vergangen.
Und 2016 war das allererste Jahr, in dem wir die Tage ausgekostet und wirklich gelebt haben – auf einmal erkennen wir unsere Leidenschaften in aller Deutlichkeit, entdecken Seiten an uns, die so viele Jahre nur in uns schlummerten. Sehen Möglichkeiten, die vorher hinter verschlossenen Türen warteten und unser Leben denkt sich nur: „Meine Güte hat das gedauert! Endlich seid ihr hier!“.

In Taiwan


🎥 VLOG: UNSER 1. TAG NACH DER WELTREISE


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6 thoughts on “Und, wie ist es von einer Weltreise zurückzukommen?

  • 07/01/2017 um 1:14
    Permalink

    Sehr interessant, wie ihr beschreibt, wie euch die Reise verändert hat. Und gut zu hören, dass es nicht obligatorisch ist, in das“Loch“ zu fallen.
    Wir fangen auch langsam an, uns Gedanken zu machen, wie es nach der Rückkehr nach einem Jahr (übrigens auch nach Düsseldorf 😀) sein wird. Und uns ist auch schon klar, dass wir nicht als die gleichen Personen zurückkommen werden. Wir haben schon verschiedene Ideen, wie wir unser neues Leben leben wollen, allerdings noch nicht, wie wir das konkret umsetzen können. Und ein bisschen Angst, dass uns der Alltag wieder einfängt und die neuen Impulse verloren gehen.
    So verfolgen wir weiter interessiert, wie ihr das macht.
    Danke für den mutmachenden Beitrag!

    Liebe Grüße aus Myanmar
    Gina und Marcus

    Antworten
    • 08/01/2017 um 11:23
      Permalink

      Hey ihr beiden!
      Die Angst davor, dass Impulse, die Motivation und Kreativität komplett nachlässt, wenn wir in Deutschland sind, die hatten wir auch. Und wie. Können das gerade sowas von nachvollziehen bei euch!
      Aber am Ende wussten wir: Es kommt wie es kommt und wir werden dafür sorgen, wie es kommt! :D

      Haltet daran fest und wenn ihr zurückkommt und sorgt mit allen Mitteln dafür, dass ihr euch die Gefühle aufrecht erhaltet. Wir kennen uns und wissen, welche Musik wir morgens hören müssen, um nicht traurig ins graue Wetter zu blicken, wissen, dass wir eine Wand komplett mit Bildern unserer Reise bestücken wollen, dass wir viele Reisevideos schauen und nicht aufhören, uns mit Gleichgesinnten auszutauschen, jeden Tag. Das war unser Rezept und es funktioniert GROßARTIG! :) Dann kriegt ihr das auch hin! ;)

      Liebe Grüße nach Myanmar!

      Antworten
  • 07/01/2017 um 14:22
    Permalink

    Hallo Ihr beiden.
    Ein sehr schöner Beitrag – und eindrucksvoll dazu: wie Ihr die Wohnung beschreibt, in der noch alles so da steht, wie vor der Reise. Puuh, für mich persönlich eine echt gruselige Vorstellung. Viele schreiben vom Aufbruch und nur wenige vom Zurückkommen. Dabei ist Wiederkommen viel schwieriger als Abhauen – so meine Erfahrung. Ich war 4 Jahre weg und habe vorher meine Bude aufgelöst. Ich hätte da nicht wieder wohnen können. Das Ankommen in Deutschland war schon schlimm genug, weil sich in meiner Abwesenheit gefühlt nichts verändert hatte, und ich mit meiner alten Umgebung absolut gar nichts mehr anfangen konnte. Meine Lösung im Moment: ein WG-Zimmer in Deutschland und möglichst oft weg!

    Antworten
    • 08/01/2017 um 11:19
      Permalink

      Hi Judith!

      Da wir wussten, dass es weitergehen wird und es nicht erwarten konnten uns an Ideen und Projekte zu setzen, begann bei uns einfach ein komplett neues Leben und wir bauen hier ein wenig um… das hat schon geholfen :)
      Mal sehen, wie es weitergehen wird, auch in uns. :)

      Aber genial, dass du für dich diese Lösung gefunden hast und so auch durchziehst! So sollte es sein: Machen und umsetzen, was am besten zu einem passt!

      Antworten
  • 13/06/2017 um 22:31
    Permalink

    Wie finanziert ihr denn aktuell euer Leben in Deutschland?

    Grüße
    Tobi

    Antworten

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